Erfahrungen vom aufsuchenden Losverfahren

Wie kommen wir als Zukunftsrat Demokratie zu den Teilnehmer:innen des Bürger:innenrats? Diese Frage beschäftigte uns vor einigen Monaten. Grundsätzlich gibt es dafür unterschiedliche Zugänge. Mit Blick auf die Vorbild-Prozesse stand schnell fest, dass das Los darüber entscheiden soll, wer teilnimmt. Unser Ziel war es, ca. 20 sehr unterschiedliche Teilnehmer:innen zu finden; also Diversität vor Repräsentativität. 

Mehr zu unserem Losverfahrenprozess folgt, einen kurzen Überblick bieten unsere FAQs.

Der Losprozess, egal ob man rein den Zufall entscheiden lässt oder nach bestimmten (z.B. soziodemographischen) Kriterien auslost, ist aber nur ein erster Schritt. Der zweite Schritt beschäftigt sich mit der Frage, wie man die ausgewählten Personen auch von einer Teilnahme überzeugen kann. Hier spielen Faktoren wie eine ansprechende Einladung, persönliche Motivation zum Thema sowie generelle Rahmenbedingungen eine große Rolle.

Bild: Adam Solomon on Unsplash

Unterschiedliche Zugänge

Zwei unterschiedliche Ansätze, wie wir zu unseren Teilnehmer:innen kommen, standen im Raum: quantitativ oder qualitativ: 

Die meisten Vorbild-Prozesse setzen auf Quantität, d.h. es werden viel mehr Menschen eingeladen, als man tatsächlich braucht. Dieser Zugang kann auch zwei- oder mehrstufig sein: In einem ersten Schritt werden zum Beispiel 5000 Personen angeschrieben, von denen sich vielleicht 250 melden und einen ersten Fragebogen ausfüllen. Basierend auf dieser kurzen Umfrage werden schließlich nach bestimmten Kriterien Personen zur tatsächlichen Teilnahme ausgelost und eingeladen. Dadurch entsteht natürlich ein gewisser Bias. Es nehmen jene Personen teil, die ohnehin Interesse am Thema etc. haben. 

Wir wollten etwas anderes probieren – einen qualitativen Zugang. D.h. wenige Personen auslosen, diese aufsuchen und persönlich zum Zukunftsrat Demokratie einladen. Damit verfolgten wir zwei Zwecke: Erstens tatsächlich genau die wenigen Personen dabei zu haben, die der Zufall ausgewählt hatte. Zweitens jene Personen zu erreichen, die sonst nicht teilnehmen würden: Im persönlichen Gespräch wird versucht bestehende Hürden oder Skepsis abzubauen bzw. im Falle einer direkten Absage auch gleich erfragen zu können, warum eine Teilnahme nicht in Frage kommt.

Zur Praxis und unseren Erfahrungen

Wir haben rund 50 Personen, verteilt auf alle Bundesländer, zuhause besucht, manchmal waren wir auch ein zweites Mal da. Nun würde ich gerne einiges über unsere Erfahrungen und Gespräche schreiben. Leider ist das kaum möglich, weil wir so gut wie niemanden zuhause angetroffen haben. Jetzt kann man über Gründe wie falsche Klingelzeiten vortrefflich diskutieren – bei so vielen Personen hätten wir aber viel mehr antreffen müssen. Das zeigen auch Erfahrungen aus Deutschland, wo ca. die Hälfte der Personen die Türen öffnete. Ein Problem ist hier jedenfalls der von uns bei der Post AG gemietete Adressdatensatz. Zu oft wohnte die gesuchte Person nicht mehr da, wo wir klingelten. Bei all jenen, die wir nicht angetroffen haben, hinterließen wir einen persönlichen Brief im Postkasten. 

War also alles umsonst? Nein, es gab ein paar interessante Gespräche mit Nachbar:innen oder Familienmitgliedern, denen wir über unser Vorhaben erzählten. Zudem zeigten uns zum Beispiel zwei Besuche, warum wir Potential in diesem Zugang sehen: Beide bezeichneten sich zuerst als unpolitisch. Im Laufe des Gesprächs offenbarte sich, dass sie sehr wohl politisches Interesse hatten sowie Meinungen und Erfahrungen äußerten, die gehört werden sollten.

Beide Personen meinten nach dem Gespräch, dass sie sich eine Teilnahme überlegen würden. Auch wenn schlussendlich keine Anmeldung stattfand, zeigen uns diese beiden Beispiele, dass sich das Aufsuchen durchaus lohnen kann. Dadurch können insbesondere jene Personen erreicht werden, die sonst nicht teilnehmen würden und deren Erfahrungen keine Stimme im Bürger:innenrat oder in politischen Prozessen allgemein bekommen.

Was lernen wir daraus?

Heißt das jetzt, dass nur weil unser Aufsuchen bisher recht erfolglos war, wir diesen Zugang für zukünftige Prozesse ausschließen würden? Nein. Aus zweierlei Gründen:

  • Der Zugang würde sich eine (oder mehrere) Chancen mit besseren Adressdaten sowie mehr Ressourcen für ein bundesweites, flächendeckendes Aufsuchen verdienen.
  • Des Weiteren werden wir in den kommenden Tagen und Wochen auch noch gezielt aufsuchen.

Unabhängig davon stellt sich natürlich die Kosten-Nutzen-Frage und vielleicht bleibt nach zukünftigen Erfahrungen die Erkenntnis, dass das aufsuchende Verfahren eher für Lokal- oder Regionalpolitik geeignet ist, bei denen die Anfahrtswege kürzer sind. Wir würden uns freuen, wenn wir selbst oder auch andere das aufsuchende Losverfahren in Zukunft bei unterschiedlichen Prozessen weiter ausprobieren würden. Zu lernen gibt es hier noch jede Menge. 

Joachim Pranzl / Team Zukunftsrat



Auch an dieser Stelle nochmals ein herzliches Danke an Linus Strothmann, der uns zum aufsuchenden Losverfahren beraten und unterstützt hat. Wer mehr zum Thema lesen möchte, kann Linus’ Beitrag “Wenn die Demokratie an der Tür klingelt… Die Methode »Aufsuchende Losverfahren«” nachlesen. 

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